Der Museumsdirektor Dr. Carsten Jöhnk

Kulturkopf | 
Dr. Carsten Jöhnk

Dr. Carsten Jöhnk ist der Leiter des Nordwestdeutschen Museums für IndustrieKultur mit dem Fabrikmuseum und dem Delmenhorster Stadtmuseum auf dem Gelände der ehemaligen Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (NW&K). Wir stellen den Museumsmacher in unserer Reihe niedersächsischer Kulturköpfe vor.

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Karriere in der norddeutschen Kulturgeschichte

Dr. Carsten Jöhnk hat an der Georg August Universität Göttingen Kunstgeschichte, Germanistik, Volkskunde und Philosophie studiert. 1998 promovierte er mit einer Arbeit über „Die Bedeutung der Physiognomik für die englische Karikatur um 1800”. Seine erste Stelle als Kunsthistoriker führte ihn ans Focke Museum, dem Bremer Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte. 

Als erste hauptamtliche wissenschaftliche Leitung wechselt er 2004 ans Schifffahrtsmuseum Unterweser mit Häusern in Brake und Elsfleth. Dort trug Dr. Jöhnk die Verantwortung für die Sanierung und Neugestaltung der Dauerausstellungen unter modernen musealen Gesichtspunkten. 

2010 übernahm er in Emden die Leitung des Ostfriesischen Landesmuseums. Ein größeres Projekt (unter anderem gefördert von der Stiftung Niedersachsen) war die Realisierung von interaktiven Vermittlungsmodulen in der Dauerausstellung. Die Gäste wurden damit zum „lernenden Erforschen” in den Ausstellungsbereichen Ur- und Frühgeschichte/Mittelalter, Handelsgeschichte und Niederländische Malerei im 17. Jahrhundert eingeladen.

2015 zog es Carsten Jöhnk zurück in die Region Bremen-Oldenburg und er übernahm die Leitung des Nordwestdeutschen Museums für IndustrieKultur in Delmenhorst und damit die herausfordernde Neuaufstellung der Museen auf dem Gelände der ehemaligen Nordwolle.

Zeit für Ehrenämter bleibt dennoch: Neben seiner Arbeit ist Dr. Carsten Jöhnk unter anderem im Vorstand des Museumsverbandes Niedersachsen und Bremen, im Beirat der Oldenburgischen Landschaft und im Vorstand des Fördervereins Informationszentrum Freilichtbühne Bookholzberg e. V. engagiert. Der Verein betreibt das Informations- und Dokumentationszentrum Stedingsehre zur kritischen Auseinandersetzung mit diesem Ort der nationalsozialistischen Propaganda in der Gemeinde Ganderkesee, nahe Delmenhorst.
Die Turbinenhalle des Nordwestdeutschen Museums für IndustrieKultur

Kulturhistoriker für museale Erlebniswelten

Als Museumswissenschaftler und Kulturhistoriker versteht Dr. Carsten Jöhnk Museen als Erlebniswelten. Er möchte, dass Besucher*innen mit Spaß und Neugier die Ausstellungen entdecken, sich Wissen erschließen und dabei unterhalten werden. Seit 2015 erneuert und erweitert Carsten Jöhnk als Museumsleiter das Nordwestdeutsche Museum für IndustrieKultur in Delmenhorst auf dem Gelände der ehemaligen Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei (kurz: Nordwolle). 
Außenansicht des Gebäudes des Stadtmuseums Delmenhorst

Museen als Identifikationsort für die Stadt

Schwerpunkte der Arbeiten sind die Profilierung des Alleinstellungsmerkmals des ehemaligen Fabrikgeländes, die Verbesserung der Anbindung an die Stadt über ein Leitsystem und die Stärkung als Identifikationsort der Stadt über eine engere Kooperation mit den Bürger*innen. Am Wichtigsten aber ist die Neuentwicklung der Dauerausstellungen. Neue Erzählstränge fassen Stadt- und Fabrikmuseum dramaturgisch zusammen. Multiperspektivisch und multimedial wird und soll die Sozial-, Wirtschafts-, Technik- und Stadtgeschichte erzählt werden. Mit seinen Angeboten will das Museum für IndustrieKultur verstärkt Schüler*innen, ehemalige Industriearbeiter*innen und Bürger*innen der Stadt mit Migrationsgeschichte ansprechen und für einen Besuch begeistern. 
Gäste sollen auf eine ansprechende und abwechslungsreiche Ausstellung treffen, in der Neugierde auf die ausgestellten Themen geweckt wird.
Dr. Carsten Jöhnk

Die wechselhafte Geschichte der Nordwolle auf 2.300 qm Fläche

2022 wurde der erste Bauabschnitt im Fabrikmuseum fertiggestellt. Die alte Produktionsstrecke in den Sheddachhallen erzählt nun unter dem Titel „Vom Vlies zum Garn” von den Produktionsabläufen auf der Nordwolle von der Rohwolle bis zum Garn und den Arbeitsbedingungen. Ehemalige Betriebsangehörige und Zeitzeug*innen erzählen davon in Videos und Einspielern. Eine Panoramaprojektion simuliert die Fabrikhalle in den 1920er Jahren. Die Comic-Roboterfigur Nr. 42 führt junge Besucher*innen durch die Ausstellung. Ein niedrigschwelliges Erleben ist durch Multimediaguides, Filme mit Gebärdesprache und Untertitelung, haptische Elemente und durch Ausprobierstationen möglich. Mit redaktioneller Unterstützung von Schüler*innen wurden die Ausstellungstexte mit einem besonderen Blick auf die Verständlichkeit erstellt.

Die Stiftung Niedersachsen begleitet als Förderin den Erneuerungsprozess in Delmenhorst eng. Bis 2027 wird nun der zweite Bauabschnitt über die Geschichte der Nordwolle, den Aufstieg der Unternehmerfamilie Lahusen und deren Niedergang, der so eng mit der Stadt- und Industriegeschichte Delmenhorsts verknüpft ist, realisiert. 

Impressionen der Dauerausstellung im Fabrikmuseum Delmenhorst

4 Fragen an Dr. Carsten Jöhnk

Dr. Carsten Jöhnk: Am meisten fasziniert mich der Wirtschaftskrimi, der mit der Geschichte der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei zusammenhängt. In den 1920er Jahren kam es unter anderem aufgrund der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland dazu, dass die Geschäfte der Nordwolle sich nicht gut entwickelten und die Bilanzen des Unternehmens dann wiederholt gefälscht wurden. Der damals weltweit agierende Konzern, der seinerzeit zu den größten seiner Art in Europa gehörte, musste schließlich Konkurs anmelden, als der über mehrere Jahre andauernde Betrug 1931 bekannt wurde. In diesem Zusammenhang ging auch die Hausbank der Nordwolle, die Danatbank – sie war das zweitgrößte Geldinstitut während der Weimarer Republik – bankrott. Es kam in der Folgezeit zu einer Bankenkrise im Deutschen Reich, die letztlich zu einem großen Teil mit von der Nordwolle verursacht worden war.
Dr. Carsten Jöhnk: Mir fallen selbstverständlich viele Dinge hierzu ein, aber mein persönliches Highlight ist ein ganz besonderer Ort, der gleichzeitig Exponat ist: Unsere authentisch erhaltene Turbinenhalle ist in dem Zustand zu besichtigen, in dem sie 1981 bei Schließung des Werkes verlassen wurde. 
Dr. Carsten Jöhnk: An dieser Stelle möchte ich gerne mit einem aktuellen Zitat antworten, dass ich bei uns im Gästebuch gefunden habe: „Eine wunderbar konzipierte Ausstellung – spannend und inklusiv gestaltet. Ich bin begeistert!“ A. M. aus Mainz, 30.7.2026 … über solche Einträge freue ich mich sehr.
Dr. Carsten Jöhnk: Unser Museumsteam hat einen Masterplan für die Erneuerung unserer Dauerausstellung erarbeitet. Wenn der aktuelle 2. Bauabschnitt unserer Neueinrichtung abgeschlossen ist, wenden wir uns dem 3. Bauabschnitt zu, in dem es inhaltlich um die erste Besiedelung der Region von Delmenhorst bis hin zum Beginn der Industrialisierung gehen wird.