Jugendtheater Rollentausch des TPZ Oldenburg

Kulturköpfe | Marie-Luise Krüger und Jörg Kowollik

Marie-Luise Krüger und Jörg Kowollik stehen stellvertretend für das Team des Landesverbandes Theaterpädagogik Niedersachsen (kurz: LaT) mit dem die Stiftung in den kommenden zwei Jahren gemeinsam das neue Förderprogramm Agorai – Kultur & Demokratie umsetzen wird. Wir stellen die beiden Theaterpädagog*innen als niedersächsische Kulturköpfe vor. 

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Im bundesweiten Vergleich gibt es in Niedersachsen besonders viele Theaterpädagog*innen. Ein Grund mag sein, dass es zahlreiche theaterpädagogische Ausbildungsorte und Institutionen gibt und mit zehn theaterpädagogischen Zentren – neben den theaterpädagogischen Abteilungen der Staats- und Stadttheater – ein dichtes Angebot. Die Theaterpädagog*innen vernetzen sich seit 2008 im Landesverband Theaterpädgogik (LaT). Derzeit vertritt der LaT 81 Mitglieder, darunter 26 Organisationen und damit rund 500 Theaterpädagog*innen. 

Der LaT unterstützt beim Aufbau regionaler Kompetenzzentren und Fortbildungsangebote, agiert als Interessenvertretung gegenüber Politik, Ministerien, Verbänden und Institutionen und setzt sich für adäquate Rahmen- und Arbeitsbedingungen, eine landesweite Qualitätsentwicklung des Berufsstandes und den Ausbau von Ausbildung und Forschung ein. Die Arbeit wird über zwei Geschäftsstellen in Braunschweig und in Oldenburg koordiniert. Marie-Luise Krüger und Katrin Morgenroth sind im Raum Braunschweig/Hildesheim tätig, Jörg Kowollik und Lars Neupert sind die Ansprechpersonen für den LaT in Oldenburg und der Region.
Porträt Marie-Luise Krüger

Marie-Luise Krüger

Marie-Luise Krüger ist Regisseurin, Theaterpädagogin, Dozentin und Künstlerisch-Systemische Therapeutin (in Weiterbildung). Sie studierte Darstellendes Spiel/Kunst in Aktion an der HBK Braunschweig sowie Kultur der technisch wissenschaftlichen Welt an der TU Braunschweig. Mit ihrem Theater-Kollektiv krügerXweiss verwirklichte sie bis 2023 politisches Dokumentartheater. Sie entwickelte Vermittlungsformate für internationale Festivals wie das Kunstfest Weimar oder das Festival Theaterformen und war als Dozentin in der politischen Bildungsarbeit tätig. Darüber hinaus ist sie als Lehrbeauftragte an der HBK sowie der Leibniz Uni Hannover tätig. Seit 2024 ist Marie-Luise Krüger Teil der Co-Geschäftsführung des Landesverbandes Theaterpädagogik Niedersachsen e. V. Dort engagiert sie sich für die Theaterpädagogik durch Gremien- und Lobbyarbeit, die Organisation von Fachtagen und die Mitgliederbetreuung des Verbandes sowie die Koordination von Sonderprojekten, wie „Transformationen – Theaterpädagogik in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen”.
Es ist wichtig, analoge Räume anzubieten, Begegnungen zu schaffen, Teilhabe für möglichst viele zu schaffen und den Jugendlichen eine Möglichkeit zu geben, zu erfahren, dass sie selbstwirksam sind. Weg vom Kontrollverlust, hin zu etwas, bei dem sie Teil von etwas sein und mitgestalten können.
Jörg Kowollik über Theaterpädagogik
Porträt Jörg Kowollik

Jörg Kowollik

Jörg Kowollik, ist Diplom- und Theaterpädagoge & Spielleiter im szenischen Spiel als Lernform. Seit 1995 baut er mit anderen u.a. als Vorstand und Geschäftsführung den Verein Jugendkulturarbeit in Oldenburg auf. Er übernimmt seit 2015 die Leitung des Theaterpädagogischen Zentrums (TPZ) innerhalb des Vereins. Der Verein bietet seit über 30 Jahren Räume für junge Menschen, in denen sie ihre eigene Selbstwirksamkeit entdecken können. Die kulturelle, politische und internationale Projektarbeit ermöglicht eine inklusive vorurteilsfreie Teilhabe für alle. Jörg Kowollik arbeitet in Oldenburg mit dem Schwerpunkt kooperativ - vernetzende kulturelle Stadtteilarbeit, gründet dezentrale Jugendtheaterprojekte und kulturelle Bildungsangebote in Jugendeinrichtungen und Schulen. Basis der Arbeit ist immer ein respektvoller, offener und toleranter Umgang. Damit werden nicht zuletzt auch demokratische Werte und Strukturen gestärkt. Außerdem ist Jörg Kowollik von 1998 bis 2014 beim Aufbau des Blauschimmel Atelier Oldenburg engagiert. 2008 gründet er mit Kolleg*innen den Landesverband Theaterpädagogik Niedersachsen e. V. Dort ist er zunächst als Vorstand aktiv, inzwischen arbeitet er als Co-Geschäftsführer in der Geschäftsstelle Oldenburg und ist unter anderem für das Programm Agorai zuständig. Seit 2024 ist er Vorstand im Arbeitskreis der niedersächsischen Kulturverbände akku e. V.

Vier Fragen an Marie-Luise Krüger und Jörg Kowollik

Die Theaterpädagogik steht – wie andere Kulturbereiche auch – vor der Herausforderung, Angebote noch inklusiver zu gestalten, damit auch diejenigen Gruppen erreicht werden, die bisher keinen Zugang zu unseren Angeboten haben. Zentrale Gelingensbedingungen sind die Arbeit in lokalen Netzwerken mit Bildungseinrichtungen sowie eine klare, engagierte Haltung der Theaterpädagog*innen, auch schwierige Wege zu gehen. Es braucht den Mut zu scheitern und geschützte Räume, in denen – wie im Theater selbst – probiert werden darf. Denn eine zielgruppengerechtere Kommunikation, der Abbau sozialer, sprachlicher und kultureller Hürden und die Beteiligung der Zielgruppen an der Projektplanung sind Felder, in denen noch viel ausprobiert, gelernt und weiterentwickelt werden darf.
Eine partizipativ ausgerichtete Theaterpädagogik wirkt auf vielen Wegen demokratisch. Die Ende 2025 vorgestellte Studie der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel „Haltung als Prinzip“ zeigt u.a. die Potentiale von Theaterpädagogik zur Stärkung der Demokratie auf und bestätigt unsere langjährigen Erfahrungen.

In der Praxis begegnet uns seit einiger Zeit eine große Herausforderung, die die Basis für jedes demokratischen Miteinanders ist: Anderen Menschen zu begegnen. Einerseits ist die Theaterpädagogik in hohem Maße dazu geeignet, demokratiebildend zu wirken, anderseits verlangt sie genau das, was überfordert: Anderen Menschen physisch und emotional zu begegnen, mit ihnen in Resonanz zu gehen. Digitale Geräte bestimmen den Alltag und diese erzeugen keine Resonanz. Echte Menschen aber schon. Das kann überfordern, verunsichern, und bisweilen überwältigen. Wie soll ich mit dem, was ich da fühle, umgehen – ohne den Schutzraum des Digitalen? Von uns als Theaterpädagog*innen erfordert das eine große Sensibilität und Behutsamkeit. Es bedeutet vieles von dem, was wir in der Theaterpädagogik als „normal“ oder „selbstverständlich“ ansehen, aus einem neuen Licht zu betrachten. 
Der Fachtag hat gezeigt, wie wichtig die Verzahnung von Theorie und Praxis sowie der generationsübergreifende Austausch für die theaterpädagogische Arbeit in herausfordernden Zeiten sind. Und auch, dass viele Erkenntnisse der Präventionsarbeit auf Theaterpädagogik und Demokratiebildung übertragbar sind. Wir Theaterpädagog*innen können Impulse setzen, tragen aber nicht die Verantwortung, gesellschaftliche oder politische Fehlentwicklungen zu „reparieren“. Demokratiepädagogische Arbeit braucht Zeit, denn Vertrauen und Bindung entstehen nicht in Kurzformaten oder Tagesworkshops. Der Anspruch, in kurzer Zeit künstlerisch herausragende Projekte mit neuen Zielgruppen und messbaren demokratischen Effekten zu erzielen, wurde als unrealistisch und belastend erkannt. Insgesamt nehmen wir mit: Ansprüche runter, Druck raus. Entschleunigung. Demokratische Aushandlungsprozesse brauchen – wie künstlerische Prozesse auch – Zeit.
  1. Dass sich die durch den LaT aufgebauten Strukturen weiter verfestigen, um die Angebote der Theaterpädagogik zu stärken.
  2. Die Novellierung des Prinzips Projektförderung im Hinblick auf Nachhaltigkeit, z. B. Wiederförderung erfolgreicher Projekte, Verlängerung der Projektzeiträume auf mehrjährige Förderung etc.
  3. Theater in alle Schulformen und alle Jahrgänge integrieren.