Impression Archiv DIZ Emslandlager

Kulturort | Dokumentations- und Informationszentrum Emslandlager in Papenburg


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Wohin auch das Auge blicket, Moor und Heide nur ringsum. Vogelsang uns nicht erquicket, Eichen stehen kahl und krumm. Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor. Hier in dieser öden Heide ist das Lager aufgebaut. Wo wir frei von jeder Freude hinter Stacheldraht verstaut.
Aus dem Lied der Moorsoldaten

Auseinandersetzung mit der Geschichte der Emslandlager und Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit

Das Lied der Moorsoldaten ist eines der bekanntesten musikalischen Zeugnisse des Widerstands gegen die NS-Diktatur und gibt Einblick in die Zustände der 15 Emslandlager, die von 1933 bis 1945 entlang der niederländischen Grenze vom NS-Regime errichtet wurden und als Konzentrations-, Straf-, Kriegs- und Militärgefangenenlager dienten. Die Häftlinge mussten hier schwerste körperliche Arbeit bei der Kultivierung der Moore verrichten. Das Lied der Moorsoldaten wurde 1933 unter anderem von den Häftlingen Johann Esser, Wolfgang Langhoff (Text) und Rudi Goguel (Musik) im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg verfasst.

An die Häftlinge dieser Lager und die mehr als 20.000 Toten erinnert heute das Dokumentations- und Informationszentrum – kurz: DIZ – Emslandlager in Papenburg. Von Papenburg aus initiiert das kleine Team des DIZ Emslandlager eine lebendige, dezentrale Erinnerungskultur an die Emslandlager und die Inhaftierten. Durch die jahrzehntelange enge Zusammenarbeit mit Überlebenden und ihren Angehörigen bewahrt das DIZ heute in seinem Archiv einen umfangreichen Bestand an Selbstzeugnissen von ehemaligen Häftlingen und Gefangenen der Emslandlager. Dazu zählen eine Vielzahl an schriftlichen und audio-visuellen Erinnerungsberichten Überlebender sowie künstlerische Zeugnisse aus der Zeit der Haft. Dieses Archiv steht Wissenschaftler*innen und Interessierten zur Recherche zur Verfügung – vor Ort und zunehmend auch digital. Seit über 40 Jahren ist das DIZ zudem in der schulischen und außerschulischen Bildung aktiv. Angeboten werden Workshops für junge Menschen und Erwachsene sowie Weiterbildungen für Lehrkräfte. Mit Lesungen, Diskussionen, Konzerten und mehr trägt das DIZ zudem zum Kulturleben und der Erinnerungsarbeit in Papenburg bei.
Impression Projekt DIZ Emslandlager in Papenburg – KI generiert: Stele im Stadtraum von Papenburg

Förderung im Rahmen des Förderprogramms SWITCH

2025 hat sich das DIZ auf eine Förderung im Rahmen unseres Förderprogramms SWITCH – Digitale Vermittlungsangebote beworben und mit ihrem Konzept für ein interaktives Lernformat zur Erkundung historischer Orte der nationalsozialistischen Verfolgung in Papenburg die Jury überzeugt. Als eine von drei Einrichtungen erhält das DIZ nun eine Förderung in Höhe von 60.000 Euro von der Stiftung Niedersachsen und kann eine multimediale, interaktive Lernapp, die sich insbesondere an Schüler*innen und junge Erwachsene richten wird, umsetzen. Ergänzend zur App werden im Stadtraum fünf robuste Stelen an historisch relevanten Orten der lokalen NS-Geschichte installiert. Über die digitale Anwendung können Nutzer*innen die Orte eigenständig erkunden und ihr Wissen durch Archivmaterialien, Karten, digitale Rekonstruktionen und Schüler*innenprojekte vertiefen. So entsteht eine Verbindung zwischen physischem Raum und digitaler Information, die historische Zusammenhänge und Prozesse nachvollziehbar und erfahrbar macht.

Die 27-jährige Historikerin Tessa Hesener ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des DIZ und für das SWITCH-Projekt verantwortlich. Wir haben sie zum Projekt und ihrer Arbeit befragt.
Porträt von Tessa Hesener

Interview mit Tessa Hesener

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim DIZ Emslandlager verantworte ich derzeit vor allem die historisch-politische Bildungsarbeit der Einrichtung. Ein zentraler Teil meiner Arbeit besteht darin, Bildungsangebote für Jugendliche und Erwachsene zu konzipieren und weiterzuentwickeln. Dabei geht es nicht nur um die Vermittlung der Geschichte der Emslandlager, sondern auch darum, welche Bedeutung historische Erfahrungen für überzeitliche gesellschaftliche Fragen haben. Die Auseinandersetzung mit Erinnerungskulturen, Demokratie, Menschenrechten und gesellschaftlicher Verantwortung spielt daher eine wichtige Rolle in meiner täglichen Arbeit.

Darüber hinaus pflege ich den Austausch mit Schulen, außerschulischen Bildungseinrichtungen, Gedenkstätten, erinnerungspolitischen Akteur*innen sowie weiteren Kooperationspartner*innen. Gemeinsam entwickeln wir Projekte und Formate, die historische Bildung und gesellschaftliche Teilhabe fördern.
Ein weiterer Schwerpunkt meiner Tätigkeit liegt in der Arbeit mit dem umfangreichen Archiv des DIZ Emslandlager. Dort bin ich an der fachgerechten Erhaltung, Erschließung und Dokumentation der Bestände beteiligt. Viele der Archivalien wurden dem DIZ von ehemaligen Häftlingen und deren Familien übergeben und stellen wichtige Quellen für die historische Forschung und Bildungsarbeit dar. Regelmäßig bearbeite ich außerdem Rechercheanfragen und unterstütze Studierende, Schüler*innen sowie Interessierte bei wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungsprojekten. Zudem übernehme ich die Betreuung von Praktikant*innen und wirke an der Planung und Durchführung von Veranstaltungen mit.
Das DIZ Emslandlager arbeitet derzeit dezentral, weil wir nach unserem Umzug nach Papenburg aktuell über keine eigenen Bildungsräume verfügen, in denen wir regelmäßig größere Gruppen empfangen können. Unsere Bildungsarbeit findet deshalb in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnerinstitutionen statt. Dazu gehören beispielsweise die Volkshochschule Papenburg, die Historisch-Ökologische Bildungsstätte (HÖB) sowie Schulen und weitere Bildungseinrichtungen in der Region.

Dieses dezentrale Arbeiten verstehen wir aber nicht als Nachteil, sondern als Chance. Statt darauf zu warten, dass Menschen zu uns kommen, gehen wir aktiv dorthin, wo Lernen und gesellschaftliche Diskussionen stattfinden. Mit individuell abgestimmten Workshops und Projekttagen besuchen wir Schulen und Bildungseinrichtungen, vor allem im Emsland. Gemeinsam mit den Teilnehmenden beschäftigen wir uns beispielsweise mit der Geschichte der Emslandlager, den Gefahren neofaschistischer Tendenzen oder Antisemitismus und diskutieren deren Bedeutung für aktuelle Fragen von Demokratie, Menschenrechten und Erinnerungskulturen.

Darüber hinaus entwickeln wir unsere Bildungsangebote kontinuierlich weiter. Aktuell überarbeiten wir unsere Materialien für Lehrkräfte und planen, diese künftig auch digital über unsere Homepage bereitzustellen, um historisch-politische Bildung noch leichter zugänglich zu machen.

Ein Besuch unserer Räumlichkeiten am Hauptkanal lohnt sich dennoch sehr. Dort befinden sich nicht nur unsere Büros, sondern auch das umfangreiche Archiv des DIZ Emslandlager. Die Sammlung umfasst historische Dokumente, Fotografien, Audiointerviews, Kunstwerke und Objekte zur Geschichte der Emslandlager sowie zur regionalen Erinnerungskultur. Viele dieser Bestände wurden von ehemaligen Häftlingen und ihren Angehörigen an das DIZ übergeben und sind wichtige Quellen für Forschung und Bildungsarbeit. Nach vorheriger Terminvereinbarung können Interessierte selbst im Archiv recherchieren und Einblicke in die Geschichte der Emslandlager sowie die Entwicklung der Erinnerungsarbeit im Emsland gewinnen. Gleichzeitig verstehen wir uns als offenen Begegnungs- und Gesprächsort. Ob Forschende mit konkreten Fragestellungen, Lehrkräfte auf der Suche nach Materialien oder Menschen, die sich erstmals mit der Geschichte der Emslandlager beschäftigen möchten – wir freuen uns über alle, die mit uns ins Gespräch kommen und sich für die Auseinandersetzung mit Geschichte und Erinnerungskulturen interessieren.
Das Projekt hat für das DIZ Emslandlager eine besondere Bedeutung, weil es neue Wege der historisch-politischen Bildungsarbeit eröffnet. Zwar beschäftigen wir uns seit vielen Jahrzehnten mit der Geschichte der Emslandlager und ihrer Vermittlung, die Verbindung von analogen Erinnerungsorten mit digitalen Bildungsangeboten stellt jedoch einen neuen Ansatz für unsere Arbeit dar.

Für das DIZ bedeutet das Projekt zum einen die Fortführung unserer langjährigen Bildungs- und Erinnerungsarbeit in Papenburg. Zum anderen bietet es die Möglichkeit, nach unserer Rückkehr in die Stadt wieder stärker im öffentlichen Raum sichtbar zu werden und die lokale Erinnerungskultur aktiv mitzugestalten. Historische Orte der NS-Zeit sind in Papenburg zwar bereits vereinzelt gekennzeichnet, häufig fehlen jedoch weiterführende Informationen und historische Einordnungen. Dadurch bleiben die Ereignisse und ihre Bedeutung für viele Menschen nur schwer nachvollziehbar. Genau hier setzt das Projekt an: Es macht Geschichte im Stadtraum niedrigschwellig sichtbar und bietet zugleich die Möglichkeit, historische Zusammenhänge kritisch zu erschließen.

Die SWITCH-Förderung schafft dafür die notwendigen Voraussetzungen. Sie ermöglicht es uns, nicht nur einen einzelnen Erinnerungsort zu gestalten, sondern einen gesamten Erinnerungsweg zu entwickeln. Geplant sind bis zu fünf Erinnerungsstelen, die zentrale historische Orte zwischen dem Papenburger Bahnhof und der ehemaligen Kommandantur miteinander verbinden. So entsteht ein zusammenhängendes Angebot, das Besucher*innen dazu einlädt, sich aktiv mit der Geschichte des Ortes auseinanderzusetzen.

Besonders innovativ ist dabei die Verknüpfung von analogem und digitalem Lernen. Über QR-Codes oder andere digitale Zugänge können zusätzliche Inhalte abgerufen werden: Von vertiefenden historischen Informationen und aktuellen Forschungsergebnissen bis hin zu Augmented-Reality-Anwendungen. Gleichzeitig sollen auch Beiträge von Schüler*innen und anderen Projektgruppen eingebunden werden. Dadurch entstehen Erinnerungsimpulse, durch die nicht nur Wissen vermittelt, sondern Beteiligung ermöglicht und unterschiedliche Perspektiven sichtbar gemacht werden.

Für uns ist Erinnerungskultur dann besonders wirksam, wenn sie möglichst vielen Menschen einen niedrigschwelligen Zugang zur Geschichte eröffnet und sie dazu einlädt, sich aktiv mit deren Bedeutung für die Gegenwart auseinanderzusetzen. Die SWITCH-Förderung gibt uns die Möglichkeit, diese Idee in einer Form umzusetzen, die ohne die Mittel nicht realisierbar gewesen wäre, und neue Impulse für die Erinnerungskultur in Papenburg zu setzen.
Mit den Erinnerungsstelen möchten wir den Blick auf die Geschichte Papenburgs schärfen und sichtbar machen, welche zentrale Rolle die Stadt im System der Emslandlager und anderer Verfolgungszusammenhänge gespielt hat. Vielen Menschen ist heute zwar bewusst, dass die Emslandlager ein Teil der regionalen Geschichte sind. Weniger bekannt ist jedoch, welche Bedeutung Papenburg selbst als Sitz der Kommandantur der Strafgefangenenlager im Emsland und der Grafschaft Bentheim hatte. Damit war die Stadt ein wichtiger Verwaltungs- und Organisationsort innerhalb des nationalsozialistischen Unterdrückungs- und Verfolgungssystems.

Unser Ziel ist es, Papenburger*innen und Besucher*innen gleichermaßen dazu einzuladen, diese und weitere historischen Zusammenhänge im Stadtraum neu zu entdecken und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Die Stelen sollen dabei nicht nur Informationen vermitteln, sondern auch Interesse wecken, sich eigenständig weiter mit der Geschichte des Ortes zu beschäftigen.

Wichtig ist uns außerdem, die Erinnerung nicht allein auf Fragen der NS-Täterschaft zu beschränken. Themen wie Zwangsarbeit, Organisationsstrukturen und Antisemitismus spielen eine Rolle, aber wir möchten auch zeigen, was beispielsweise jüdisches Leben heute in seiner Vielfalt ausmacht. Aus diesem Grund arbeiten wir mit verschiedenen lokalen Akteur*innen zusammen, darunter dem Heimatverein, der St.-Antonius-Kirche und überregionalen Institutionen, die auf unterschiedliche Weise mit diesen Aspekten verbunden sind. Auf diese Weise möchten wir verschiedene Perspektiven zusammenführen und die komplexen historischen Verflechtungen vor Ort nachvollziehbar machen.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt darüber hinaus auf der Beteiligung junger Menschen. In der Bildungsarbeit des DIZ entstehen regelmäßig beeindruckende Projekte von Schüler*innen in Form von Ausstellungen, Podcasts, digitalen Beiträgen oder anderen kreativen Formaten. Diese Arbeiten zeugen von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Geschichte und unserer Gegenwart, finden jedoch häufig nur im schulischen Kontext Beachtung. Durch die digitale Erweiterung der Erinnerungsstelen möchten wir solchen Projekten einen Platz im öffentlichen Raum geben und ihre Ergebnisse dauerhaft sichtbar machen.

So entsteht ein Erinnerungsangebot, das nicht nur historische Informationen vermittelt, sondern auch zeigt, wie junge Menschen heute über Geschichte nachdenken und welche Fragen sie an die Gegenwart und Zukunft stellen. Erinnerungskultur wird dadurch zu einem lebendigen Prozess, an dem viele Menschen aktiv mitwirken können.
Digitale Vermittlungsangebote sind für uns zunächst einmal kein Selbstzweck, kein Ersatz für die Auseinandersetzung mit historischen Orten und auch keine nachgeordnete Ergänzung zur Auseinandersetzung mit der Geschichte. Im Gegenteil: Sie können dazu beitragen, Geschichte dort sichtbar und verständlich zu machen, wo klassische Informationstafeln an ihre Grenzen stoßen. Gerade bei komplexen Themen wie den Emslandlagern, Zwangsarbeit oder nationalsozialistischen Verfolgungsstrukturen reicht ein kurzer Text oft nicht aus, um historische Zusammenhänge, individuelle Schicksale und die Bedeutung eines Ortes umfassend zu vermitteln. Während analog bereitgestellte Informationen notwendigerweise selektiv bleiben, eröffnen digitale Formate die Möglichkeit, unterschiedliche Vertiefungsebenen anzubieten, individuelle Fragestellungen aufzugreifen und dazu anzuregen, historische Inhalte eigenständig zu erschließen.
Digitale Angebote schaffen daher die Möglichkeit, zusätzliche Perspektiven und vertiefende Informationen bereitzustellen, ohne den öffentlichen Raum zu überfrachten. Über beispielsweise QR-Codes können Besucher*innen selbst entscheiden, wie intensiv sie sich mit einem Thema beschäftigen möchten. Gleichzeitig lassen sich unterschiedliche Medienformate einbinden, etwa historische Fotografien, Zeitzeugeninterviews, Kartenmaterial, Forschungsergebnisse oder auch virtuelle Rekonstruktionen von Orten, die heute so nicht mehr existieren.

Aus meiner Bildungsarbeit weiß ich zudem, dass insbesondere junge Menschen digitale Zugänge ganz selbstverständlich nutzen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie auch automatisch Interesse an Geschichte haben. Entscheidend ist vielmehr, Anknüpfungspunkte zu schaffen und zu zeigen, warum historische Themen für die Gegenwart relevant sind. Digitale Formate können dabei helfen, eigenständiges Entdecken zu fördern und unterschiedliche Lernwege zu ermöglichen. Dabei spielt natürlich auch die Mehrsprachigkeit eine zentrale Rolle. Digitale Angebote ermöglichen uns eine Flexibilität, die bei analogen Materialien so nicht gegeben ist. Wir können zum Beispiel neue Forschungs- oder Projektergebnisse schnell und zuverlässig aktualisieren, sodass die Stelen auch im Sinne der Nachhaltigkeit lange aktuell bleiben. Außerdem soll die Interaktivität das individuelle Verständnis fördern und einer passiven Rezeption entgegenwirken.

Für uns liegt die besondere Stärke digitaler Angebote deshalb darin, dass sie historische Bildung offener, zugänglicher und partizipativer machen können. Sie ermöglichen nicht nur den Zugang zu Wissen, sondern schaffen Räume für Austausch, eigene Fragestellungen und aktive Beteiligung. Gerade in der Erinnerungsarbeit ist das ein wichtiger Beitrag, um Geschichte nicht als etwas Abgeschlossenes zu betrachten, sondern als etwas, das unsere Gegenwart weiterhin prägt und zur Diskussion stellt.