24. Mai 2019 Hannover

Bjørn Melhus. Spectral Afterlives

29.5.19 BIS 5.1.20

Bjørn Melhus entwirft in seinen oft grotesken, ironischen und zumeist narrativen Filmen und Videoinstallationen magische Bilder, die bekannte Motive, Themen und Strategien der Massenmedien und Medienwirklichkeit unserer Zeit verfremden. Dabei ist es immer der Künstler selbst, der einzeln oder vervielfacht in tragikomischen Rollenspielen figuriert.

Die Ausstellung findet anlässlich des Erscheinens des 74. Bandes der von der Stiftung Niedersachsen herausgegebenen Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ statt. Das Buch ist mit einem Essay von Elisabeth Bronfen und zahlreichen Abbildungen eine umfangreiche Analyse der Filme, Videos und Installationen von Bjørn Melhus. Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin untersucht unter dem Titel „SPECTRAL AFTERLIVES. Bjørn Melhus and his Media Doubles / GEISTERHAFTES NACHLEBEN. Bjørn Melhus und seine medialen Doppelgänger“ die verschiedenen Erzählperspektiven und Rollen, die als geisterhafte Wiedergänger im Werk von Melhus vor dem Hintergrund des US-amerikanischen Kinos und dessen Repräsentanten und Ikonen ein Bild unserer Gegenwart heraufbeschwören. Hier werden Themen wie Identität, Heimat, Krieg und Tod verhandelt. Dabei nimmt die von Melhus mit dem Film „Weit Weit Weg“ eingeführte und später weiterentwickelte Kunstfigur „Dorothy“, in Anlehnung an die von Judy Garland gespielte Heldin der US-amerikanischen Verfilmung „The Wizard of Oz“ (1939) eine besondere Rolle ein.

Die Ausstellung, die den Titel des Buches „SPECTRAL AFTERLIVES“ aufnimmt, präsentiert die Premiere der neuen Videoinstallation „THE END TIME“, die für diese Ausstellung entstanden ist. Den Mittelpunkt der 4-Kanal-Videoinstallation bildet die Kunstfigur „Dorothy“. In traumartigen Episoden rezitiert sie dabei Tonzitate aus dem Film „The Wizard of Oz“ (1939) und der Fernsehserie „China Beach“ (1988 – 1991) vor dem Hintergrund des zentralvietnamesischen Dschungels und in Opposition zu einem übermächtigen Mond. Melhus rekurriert auf zwei Ereignisse, die Mondladung 1969 und den Vietnamkrieg (1955 – 1975), die eine weltweite Medienaufmerksamkeit erhielten. Die US-amerikanische Popkultur, aber auch zahlreiche mediale Erzählungen haben Fragmente und Motive aus „The Wizard of Oz“ immer wieder zitiert; so wurde der Ho-Chi-Minh-Pfad auch als „Yellow Brick Road“ (gelbe Backsteinstraße), die durch das Zauberland Oz führte, bezeichnet. Auch in der von dem Vietnamveteranen William Broyle Jr. entwickelten Fernsehserie „China Beach“ finden sich Referenzen zum „Wizard of Oz“.

In „THE END TIME“ intoniert die Protagonistin „Dorothy“ wiederholt den Song aus der Serie „China Beach“: „Don´t sit under the apple tree, with anyone else but me, until I`m marching home.“ Diese sehnsuchtsvoll melancholische Zeile zitiert wiederum den 1942 von Glenn Miller und den Andrew Sisters populär gewordenen Song, der vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges als eine Aufforderung zu verstehen ist, auf die Kriegsheimkehrer zu warten.

Doch für „Dorothy“ gibt es kein Entrinnen, sie ist gefangen in „THE END TIME“, und es stellt sich die Frage, was passiert, wenn der Ausnahmezustand „THE END TIME“ zum Normalzustand wird und es eine Heimkehr – wie sie auch im „Wizard of Oz“ verhandelt wird – nicht gibt. Melhus sieht in seiner Installation einen metaphorischen Verweis auf unsere Gegenwart, „in der wir in einem permanenten Ausnahmezustand der Endzeit leben und uns eine Rückführung in einen Urzustand oder ‚Heimkehr‘ verstellt zu sein scheint“ (Bjørn Melhus).  
Eingerahmt wird die Premiere der Videoinstallation mit der Präsentation von fünf weiteren Film- und Videoarbeiten des Künstlers:

ZAUBERGLAS (The Magic Glass), 1991, Video, 6 Min.
WEIT WEIT WEG (Far Far Away), 1995, Film, 39 Min.
BLUE MOON, 1997/1998, Video, 4 Min.
THE ORAL THING, 2001, Video, 8 Min.
AUTO CENTER DRIVE, 2003, Film, 28 Min.

Sie zeigen die Verbindung und das Mäandern der von Melhus geschaffenen Figuren von einem Film zum anderen und führen den narrativen Faden und die Referenzen zu „Wizard of Oz“ und seiner Protagonistin „Dorothy“ vor Augen.

Bjørn Melhus studierte in den 1990er-Jahren an der HBK Braunschweig und erhielt 2001 den Sprengel-Preis für Bildende Kunst der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. Seit 2003 lehrt er als Professor für Bildende Kunst / Virtuelle Realitäten an der Kunsthochschule in Kassel.

Kuratorin: Gabriele Sand

ZUR PUBLIKATION

Cover BJØRN MELHUS GEISTERHAFTES NACHLEBEN. BJØRN MELHUS UND SEINE MEDIALEN DOPPELGÄNGER Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen, Band 74 | © Wallstein Verlag

DIE STIFTUNG NIEDERSACHSEN PRÄSENTIERT BJØRN MELHUS IN DER REIHE„KUNST DER GEGENWART IN NIEDERSACHSEN“

BJØRN MELHUS
GEISTERHAFTES NACHLEBEN. BJØRN MELHUS UND SEINE MEDIALEN DOPPELGÄNGER

Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen, Band 74
herausgegeben durch die Stiftung Niedersachsen
mit einem Essay von Elisabeth Bronfen
Redaktion: Ulrich Krempel und Annett Reckert
Wallstein Verlag, Göttingen 2019
ISBN: 978-3-8353-3424-3
Preis: 19,80 Euro

Elisabeth Bronfen ist Professorin für American and English Studies an der Universität Zürich und seit 2007 Global Distinguished Professor an der New York University. Sie ist regelmäßige Mitarbeiterin für regionale und internationale Zeitungen und Magazine sowie Radioprogramme, als Spezialistin für Kultur ebenso wie für amerikanische Politik.

Seit fast 50 Jahren gibt die Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ einen Überblick zu bedeutenden niedersächsischen Künstlerinnen und Künstlern verschiedener Sparten und bietet – auch im nationalen Vergleich – eine einmalige Plattform. Die Reihe leistet einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Kulturlandschaft Niedersachsen und ist bedeutsam für die bundesweite Präsentation niedersächsischer Kunst und Kultur.

Der Internetauftritt der Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“ informiert umfassend über die Konzeption der Reihe und die bereits erschienenen und aktuellen Bände: www.kunst-in-niedersachsen.de  

Unter der Herausgeberschaft der Stiftung Niedersachsen sind bislang die folgenden Bände erschienen:
Bd. 67: „Christoph Girardet“, ISBN: 978-3-9815222-0-4
Bd. 68: „Silke Schatz“, ISBN: 978-3-9815222-1-1
Bd. 69: „Frank Rosenthal“, ISBN: 978-3-9815222-2-8
Bd. 70: „Julia Schmid“, ISBN 978-3-9815222-4-2
Bd. 71: „Corinna Schnitt“, 978-3-8353-1807-6
Bd. 72: „Petra Kaltenmorgen“, ISBN 978-3-8353-3028-3
Bd. 73: „Olav Christopher Jenssen“, ISBN: 978-3-8353-3227-0

Seit 1987 engagiert sich die Stiftung Niedersachsen für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung im ganzen Land. Als Landeskulturstiftung stärkt sie durch die Förderung gemeinnütziger Projekte die Vielfalt der Kultur in Niedersachsen und trägt zur Profilierung des Kulturstandortes bei. Pro Jahr fördert die Stiftung rund 200 Projekte und ist zudem selbst operativ tätig. Informationen unter www.stnds.de

PRESSEKONFERENZ
Freitag, 24.5.19, 11.00 Uhr

GEMEINSAME ERÖFFNUNG MIT DER AUSSTELLUNG „100 JAHRE MERZ. KURT SCHWITTERS. CROSSMEDIA“
Dienstag, 28.5.19, 18.30 Uhr

Es sprechen
Reinhard Spieler, Direktor Sprengel Museum Hannover
Lavinia Francke, Generalsekretärin der Stiftung Niedersachsen
Gabriele Sand, Kuratorin Sprengel Museum Hannover

KOOPERATIONSPARTNER
Die Ausstellung findet in Kooperation mit der Stiftung Niedersachsen statt.

 

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Pressefotos und weiteres Pressematerial zur Ausstellung finden Sie unter www.sprengel-museum.de

 

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an:
Katharina Nitsch
Stiftung Niedersachsen
Referentin Kommunikation
Dr. Isabelle Schwarz
Sprengel Museum Hannover
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit